Viel Technik, wenig Kraft: Selbstverteidigung im Rollstuhl ist keine Zauberei!

Rollstuhlsportgemeinschaft Langenhagen (RSG)

Stockabwehr

„Selbstverteidigung für Kinder und Jugendliche im Rollstuhl“ lautete der Name des Workshops – und 15 Personen im Alter von vier bis 20 Jahren nahmen daran teil. Die Rollstuhlsportgemeinschaft Langenhagen (RSG) hat mit diesem Angebot dafür gesorgt, dass junge Rollstuhlfahrer mehr Selbstvertrauen bekommen.

Apropos Vertrauen: Am Anfang stand eine Videobotschaft. Nils Thate, der den Workshop führte und Leiter der Organisation Für Effektive Selbstverteidigung (OFES) ist, begab sich mit den Teilnehmenden zunächst in eine benachbarte Sporthalle des Langenhagener Schulzentrums, Eltern mussten draußen bleiben. Die Kinder und Jugendlichen sollten in etwa 15 Sekunden sagen, warum sie den Kurs besuchten und was sie sich davon versprachen. „Viele sind da noch recht unsicher. Zum Abschluss mache ich mit allen erneut ein Kurzinterview – und dann sieht man erst, wie das Selbstvertrauen nach dem vierstündigen Workshop gewachsen ist“, sagte Thate.

Faustschlag

Und dann folgte, zurück in der anderen Sporthalle und wieder unter Beobachtung der Eltern, zugleich die erste Übung. Thate simulierte einen Angriff mit seiner Hand in den Kopf- und Halsbereich der Rollstuhlfahrer. „Wenn ihr euch mit Kraft verteidigen wollt, habt ihr keine Chance. Ihr müsst es mit Technik bewerkstelligen“, sagte der Coach und sprach von „Umleitung der Kraft“.

So soll es aussehen: Beim Angriff eines Gegenübers wird dessen Hand mit der eigenen Hand quasi zur Seite gewischt und am eigenen Kopf vorbei geführt.

Klappte schon ganz gut, aber das war noch nicht alles. Mit der anderen Hand musste der sich Verteidigende das Rad festhalten. „Denn wir müssen verhindern, dass wir mit dem Rollstuhl bei einem Angriff nach hinten rollen. Ebenso darf es nie passieren, dass der Angreifer hinter euch ist. Sonst habt ihr verloren“, sagte Thate.

Aber er wollte die Teilnehmenden nicht verängstigen, im Gegenteil. „Was ihr hier lernt, ist keine Zauberei. Habt auch den Mut, selbst anzugreifen – wenn euch beispielsweise niemand mehr helfen kann oder ihr nicht fliehen könnt.“ Wie das gehen solle, war Teil einer weiteren Übung. Thate band sich kleine Schlagpolster, sogenannte Pratzen, an den Unterarm. Die Kinder und Jugendlichen durften, nachdem sie seine Angriffssimulation abgewehrt und umgeleitet hatten, in die Pratzen boxen. Dabei durfte es dann auch mal lustig zugehen. Der kleine Ole schlug mit voller Wucht in die Pratze, zeigte sogar eine klassische Rechts-Links-Kombination. Thate guckte ihn verdutzt hat. „Sage mal, was hast du denn gefrühstückt?“ Die anderen Teilnehmer lachten, das lockerte die Stimmung. 

Der OFES-Leiter weiß eben mit den Kindern und Jugendlichen umzugehen. „Ich habe vor 25 Jahren in Sulingen Erfahrungen gesammelt in einer Behindertenwerkstatt und gemerkt, dass mir das Spaß macht.“ Seit einigen Jahren bietet er zahlreiche Selbstverteidigungskurse für Rollstuhlfahrer an, in Langenhagen ist er mit diesem Kurs einmal pro Jahr zu Gast. Beim aktuellen Workshop hatten die Teilnehmenden - die Hälfte kam direkt von der RSG, die andere Hälfte kam u.a. aus Berlin und Nordrhein-Westfalen - fast ausnahmslos körperliche Behinderungen.

Blieb nur noch die Frage zu klären: Wie hat es den Teilnehmern gefallen? „Ich spiele bei der RSG Basketball, schwimme auch. Dieser Selbstverteidigungskurs hilft mir weiter, man weiß ja nie, in welche Situationen man so kommt“, sagte der 14-jährige Justin. Die gleichaltrige Johanna war sogar eine „Wiederholungstäterin“. „Ich war vor zwei Jahren schon mal hier. Es macht Spaß, ich habe wieder etwas Neues gelernt und besitze nun mehr Selbstvertrauen.“ Genau das wollte die RSG Langenhagen erreichen. Und die erneuten Videointerviews aller Teilnehmenden zum Abschluss sprechen genau diese Sprache.

Die RSG Langenhagen dankt den Förderern der STIFTUNG Sparda-Bank Hannover, Heiner-Rust-Stiftung und Stiftung Edelhof Ricklingen sehr herzlich für die Unterstützung.

Bild und Text Stephan Hartung, RSG Langenhagen

Gruppenbild der Teilnehmenden des Selbstverteidigungskurses für Kinder und Jugendliche im Rollstuhl vom Rollstuhlsportgemeinschaft Langenhagen (RSG).